Ein Abend des phonoFemme – Klangkunstfestivals im KosmosTheater mit Soundformen, die das inhärent Politische unseres gegenwärtigen Anspruchs an moderne Kunst links liegen lassen. Oder eben auch nicht.
Zuerst eine Art Definition, eine Begründung einer wörtlichen Abneigung: Klangwolke ist ein dankbarer Begriff für alles, was rauscht, quietscht, pfeift, Melodiefetzen birgt und im seltensten Fall ganze, nicht-dissonante Akkorde. Wer Klangwolke sagt, nimmt die sichere Variante, das konfuse, weitgreifende Wort (alles kann Klangwolke sein) wird zum Synonym für große Teile der modernen Musik und ist damit so aussagekräftig wie der Terminus moderne Musik selbst. Er ist zweifellos überstrapaziert und dabei auch guter Nährboden für gesellschaftskritische Feigheit (oder Opportunismus). Deswegen von meiner Seite in Zukunft keine Klangwolken mehr als Beschreibungsform, auch nicht bei den Werken, mit denen zurzeit das KosmosTheater beschallt wird. Denn dahinter verbirgt sich zum Beispiel kompositorisches Geschick (Olga Neuwirth) oder Filmmusik, die entsprechend ihrer ursprünglichen Art zu den Bildern improvisiert wird (Mia Zabelka).
Warum moderne Musik oftmals mit dem Vorwurf konfrontiert wird, dass das jede/r könne (so ein Gequietsche zu produzieren)? Vielleicht, weil das Handwerk dahinter so schwer erkennbar ist. Vielleicht, weil verkannt wird, dass es dabei, wie bei aller Musik, um ein seh- und hörgeleitetes Fühlen geht. Musik ist meines Erachtens immer noch die Kunstform, die das meiste Gefühlspotential enthält (und zugleich das undefinierteste).
Der Tanz
Paola Bianchi und Olga Neuwirth gehen in KÖRPER.KLANG.MASCHINE dem sich auflösenden, maschinenhaften Roboter Mensch nach. Digitale, gesampelte und transformierte Klänge aus dem Computer, dazu die Roboterfrau im Müllsackkleid (Paola Bianchi), die fast alle Bewegungen nach innen gekehrt und ängstlich ausführt, die solange eingesperrt und angepasst wurde, bis ihr das (Müllsack-)Kleid zu eng wird. Kurz vor Ende wird sie zur Katze, zum hernehmbaren Haustier. Stärke entwickelt sie in einer einzigen, männlichen Position. KÖRPER.KLANG.MASCHINE ist damit mehr als Soundfetzen aus dem Computer, zu denen sich eine Tänzerin roboterartig bewegt, um dem Titel gerecht zu werden. Es ist eine Geschichte, schön, traurig, am Ende bedrückend und verwirrend. Und nahe am Mensch, an der Gesellschaft.
Film und Musik
Eigentlich eine schöne, alte Konzeption, die man in Mia Zabelkas und Katharina Matiaseks Performance WOMEN OF THE RUINS beobachten kann. Eine filmische Collage zeigt Frauen als aktiven Teil des Kriegsgeschehens, als Helferinnen beim Wiederaufbau nach dem Krieg ebenso wie als Mittäterinnen und Terroristinnen. Was bei KÖRPER.KLANG.MASCHINE noch eine versteckte, für jede/n selbst freiwillig zu lesende politische Botschaft war, ist bei WOMEN OF THE RUINS unausweichlich. Das Kriegsgrauen, die Einsicht, dass Frauen in Sachen Gewalt(anwendung) den Männern um nichts nachstehen, wenn es dazu kommt – Mia Zabelka kommentiert das filmische Geschehen auf der E-Geige, mittels Computer und Verzerrung nehmen die Töne drastische Gestalten an, bekräftigen die Bilder dermaßen intensiv, dass nach der Aufführung nur mehr das Verlassen des Saals in Frage kommt. Raus, an die Luft, wieder weg von dieser unseligen, grauenhaften Leinwand und den Lautsprechern. Ich will damit nicht konfrontiert werden.
Und letztlich, die Revue
THE GUN IS STILL LOADED, verschiedene Mini-Zugänge zu Sounds und Geräuschen. Lieder, Tänze, Schauspiel, Zwiegespräche mit der Stimme auf dem Tonband: Erst ein Striptease, irgendwo zwischen harmloser Komik und Kopfschütteln, gleich darauf ein Pamphlet zu Freiheit und Paranoia und dazu noch der Monolog in Korrespondenz mit den Tonbandaufnahmen von und über Frauen in der RAF. Hier ist nichts mehr lustig, die Aussagen ergeben ein moralisches Wirrwarr, dass das Publikumshirn so beschäftigt, dass - Wo war hier der Sound? Bestenfalls als Begleitung zu finden, als Boden für die darauf befestigten Performances. Die Auflösung des moralischen Chaos enthält das letzte Lied: just remember, the death is not the end.
Ergo: Klangkunst bietet viele verschiedene Zugangsmöglichkeiten und Lesarten. Die Message, oder der Sinn, das Ziel einer Performance kann überall liegen. Quietschen ist dabei eher ein systemimmanentes Nebenprodukt.
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phonoFemme – Internationales Klangkunstfestival im KosmosTheater Wien mit 18 renommierten Künstlerinnen, sie sind Mitglieder der künstlerischen Plattformen Deep Listening Institut New York, Mani D.O.O. (Rovinj/Kroatien), enterprise z (Wien). Geleitet wird das Festival von Barbara Klein, Traude Kogoj und Mia Zabelka und ist noch bis 25. April 2009 jeweils ab 20 Uhr zu besuchen.
www.phonofemme.at lädt das interessierte Publikum nicht nur dazu ein, sich ausführlich über Festival und Künstlerinnen zu informieren, sondern auch aktiv an der Klangproduktion teilzunehmen: phonoFemme_art in progress bietet die Möglichkeit, selbst Audiofiles und –remixes hochzuladen und mitzugestalten. Der Webspace wird auch nach dem Festival als Kommunikationsplattform und für die aktive Nutzung zur Verfügung stehen.